Ein Vormittag in der Nordstadt Hannover: Friedhöfe, Kunstwerke und die Christuskirche

  • 🏰 Welfenschloss / Hauptgebäude der Leibniz Universität Hannover

    Meine Enkeltochter hatte eine wichtige Prüfung in der Leibniz Universität und da im Moment die Bahnen relativ unpünktlich fahren, habe ich ihr angeboten, dass ich sie nach Hannover bringe.
    Laut Wettervorhersage sollte es ein schöner warmer Wintertag werden mit Temperaturen bis an die 20 Grad. So packte ich meine Kamera ein und schaute mir im Vorfeld die nähere Umgebung auf einer digitalen Karte an.

    Rund eine Stunde fuhren wir mit dem Auto nach Hannover. Es gab ein paar kleine Staus, aber wir haben wirklich reichlich Pufferzeit eingebaut. Ich setzte Jenni an der Uni ab, suchte noch ein Weilchen einen Parkplatz und dann zog ich los.

    Das heutige Hauptgebäude der Leibniz Universität ist das ehemalige Welfenschloss, eine neugotische Vierflügelanlage aus dem 19. Jahrhundert. Ursprünglich wurde es im Auftrag von König Georg V. als Residenz der Könige von Hannover geplant, jedoch nie dauerhaft als Schloss genutzt. Nach der Annexion des Königreichs Hannover durch Preußen stand der Bau zunächst leer, bevor er in den 1870er-Jahren zum Sitz der Polytechnischen Schule umgebaut wurde. Seit 1879 bildet das Welfenschloss das Zentrum der heutigen Leibniz Universität und öffnet sich mit seiner repräsentativen Fassade zum Welfengarten.

  • 🕍 Alter Jüdischer Friedhof an der Oberstraße

    Von der Uni lief ich die Straße entlang und entdeckte den Alten Jüdischen Friedhof. Leider konnte ich ihn nur von außen anschauen, denn für einen Besuch im Inneren hätte ich vorher einen Termin vereinbaren müssen. Der Friedhof liegt auf einem Hügel und ist von einer hohen Mauer umgeben, sodass man nur einen Blick durch die Bäume und über die Mauer hinweg erhaschen kann.

    Der Alte Jüdische Friedhof an der Oberstraße ist der älteste erhaltene jüdische Friedhof Hannovers und wurde um 1550 auf einem Sandhügel außerhalb der damaligen Stadtgrenzen angelegt. Bis 1864 diente er als Begräbnisstätte der jüdischen Gemeinde.

    Die dicht stehenden, teils verwitterten Grabsteine liegen unter altem Baumbestand und vermitteln einen eindrucksvollen Blick in die jahrhundertelange Geschichte jüdischen Lebens in Hannover. Trotz seiner zentralen Lage herrscht hier eine stille, abgeschiedene Atmosphäre, die den historischen Charakter des Ortes besonders spürbar macht.

  • ⛪ Christuskirche in der Nordstadt

    Auf dem Weg durch die Nordstadt entdeckte ich mehrere farbenfrohe Street‑Art‑Wandbilder, die den Spaziergang auf ihre ganz eigene Weise beleben. Die fantasievollen Motive an Hauswänden und Garagentoren zeigen, wie kreativ dieses Viertel ist, und boten mir unterwegs immer wieder kleine Überraschungen.

    Nach einigen weiteren Schritten öffnete sich der Blick auf die Christuskirche, deren hoher Turm schon von weitem zwischen den Häusern hervorragt. Der neugotische Backsteinbau wirkt mit seiner klaren Formensprache und dem markanten Turm sehr eindrucksvoll und prägt das Bild des Viertels.

    Die Christuskirche wurde 1859–1864 nach Plänen des hannoverschen Architekten Conrad Wilhelm Hase erbaut. Ursprünglich war sie als Residenzkirche von König Georg V. gedacht und gilt als der erste Kirchenneubau Hannovers nach 1747. Der Bau folgt den Vorgaben des sogenannten Eisenacher Regulativs, einer einflussreichen Empfehlung zur Gestaltung protestantischer Kirchenbauten im 19. Jahrhundert.

    Auffällig ist der in das Mittelschiff versetzte über 70 Meter hohe Turm, der aufgrund der begrenzten Grundstücksgröße nicht wie üblich an der Westseite stehen konnte. Diese ungewöhnliche Lösung macht die Kirche architektonisch besonders interessant.

    Heute dient die Christuskirche nicht nur als Gotteshaus, sondern auch als internationales Chorzentrum und ist damit ein lebendiger kultureller Ort in der Nordstadt.

  • ⛪ Alter St.-Nikolai-Friedhof mit Nikolaikapelle und Hölty-Denkmal

    Von der Christuskirche schlug ich einen Weg ein, der mich zum Steintor führte. Allerdings bemerkte ich, dass ich nun doch ein wenig zu weit abgedriftet war, denn ich wartete ja auf einen Anruf meiner Enkeltochter und wollte mich nicht zu weit von ihrem Prüfungsort entfernen. So drehte ich um und gelangte schließlich zum Alten St.-Nikolai-Friedhof.

    Der Friedhof entstand in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem St.-Nikolai-Hospital, das außerhalb der Stadtmauer zur Behandlung von Leprakranken errichtet wurde. Später diente der Friedhof auch als Begräbnisstätte für die zahlreichen Opfer der Pestepidemien sowie der Toten aus dem Dreißigjährigen und dem Siebenjährigen Krieg.

    Bis 1866 wurde der Friedhof mehrfach erweitert, danach aufgegeben und 1890 in eine parkähnliche Grünanlage umgewandelt. Der erste Stadtgartendirektor Julius Trip gestaltete das Gelände mit offenen Wegen, Rasenflächen und Hecken neu. Viele Grabsteine wurden erhalten, darunter das Ehrengrab für den Dichter Hölty.

    Besonders eindrucksvoll ist die Ruine der Nikolaikapelle, die einst für Trauerfeiern genutzt wurde. Durch die Neugestaltung des Klagesmarkts im Rahmen von „Hannover City2020+“ wurde die Kapelle wieder freigestellt und bildet heute mit dem Lapidarium aus 25 kunsthistorisch bedeutenden Grabsteinen einen stillen, würdevollen Ort der Erinnerung.

    Die steinerne Figurengruppe des Hölty-Denkmals steht auf einem Sockel mit einer poetischen Inschrift, die die empfindsame Stimmung seiner Dichtung aufgreift:

    „Hofft dem Freund der Frühling ist erschienen“
    „Klagend irrt er im Haine dicht zu sehen“
    „Doch umsonst! sein klagender Blick verhallt im“
    „Einsamen Schatten“

  • 🌿 Neustädter Friedhof (St.-Andreas-Friedhof)

    Noch ein weiterer Friedhof stand auf meiner Wunschliste. Der Neustädter Friedhof wurde 1646 für die Bewohnerinnen und Bewohner der neu gegründeten Calenberger Neustadt angelegt und bis 1876 genutzt. Heute ist er ein denkmalgeschützter öffentlicher Park am Königsworther Platz.

    Zwischen alten Bäumen finden sich zahlreiche historische Grabdenkmäler, darunter das des Komponisten Heinrich Marschner sowie die kunstvoll gearbeitete Figur der „Geschnürten Jungfrau“. Die Anlage ist Teil der Skulpturenmeile und verbindet auf besondere Weise Stadtgeschichte mit ruhiger Grünfläche.

    Da ich noch keinen Anruf bekommen hatte, setzte ich mich auf eine Bank im Park und genoss die warmen Sonnenstrahlen. Trotz der zentralen Lage wirkt der Friedhof erstaunlich still. Die Mischung aus alten Bäumen und verwitterten Grabsteinen verleiht dem Ort eine besondere Atmosphäre, die zum Innehalten einlädt.

  • 🎨 Kunst am Rückweg

    Nachdem meine Enkeltochter mich ganz glücklich über ihre bestandene Prüfung informiert hatte, machten wir uns gemeinsam auf den Weg zurück zum Auto. Unterwegs kamen wir noch an mehreren Kunstwerken vorbei, die den Rückweg durch die Nordstadt farbenfroh begleiteten.

    🪨 „Bonhomme“ von Daniel Knorr
    Vor der Kestnergesellschaft steht die Steinskulptur „Bonhomme“, deren übereinandergeschichtete Natursteine an einen Schneemann erinnern. Die grob behauenen Formen bilden einen spannenden Kontrast zur modernen Glasfassade des Gebäudes.

    🗿 Steinfiguren von Eugène Dodeigne
    Am Rand des Königsworther Platzes stehen drei abstrakte Steinfiguren, deren blockhafte Formen menschliche Gestalten nur andeuten. Die raue Oberfläche und die schwere Anmutung verleihen ihnen eine zeitlose Präsenz.

    🔴 „Symphony in Red“ von John Henry
    Auf dem Mittelstreifen des Königsworther Platzes erhebt sich die rote Stahlskulptur „Symphony in Red“. Die strahlenförmig angeordneten Träger erzeugen eine dynamische, fast explodierende Form, die sich deutlich vom städtischen Umfeld abhebt.

    Zum Abschluss dieses kleinen Rundgangs blieb für mich vor allem eines hängen: Hannover hat immer wieder Neues zu entdecken – selbst an Orten, an denen man schon oft vorbeigekommen ist. Zwischen Geschichte, Kunst und ruhigen Grünflächen zeigt die Stadt ihre vielen Facetten, und jeder Spaziergang eröffnet einen neuen Blick.

    Viele Grüße
    Petra

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